„Bürger wird beim Diesel für dumm gehalten“

29.10.2018

Herr Wollseifer, kommen demnächst in Großstädten keine Handwerker mehr, weil sie mit ihren Dieselfahrzeugen nicht mehr fahren dürfen?
Nein, davon gehe ich nicht aus. Das Bundesverwaltungsgericht hat ausdrücklich Ausnahmen für Handwerker erlaubt. Daher werden wir wohl weiter zu den Kunden kommen. Aber das wird mit enormem Zusatzaufwand verbunden sein. Wir müssen bei den Städten Ausnahmegenehmigungen beantragen. Da das viele wollen, wird es Wartezeiten geben. Das alles bindet Arbeitszeit, die dann für die Auftragsausführung fehlt. Und das kostet Geld, was sicher auch bei den Preisen durchschlägt.

Wer ist daran schuld?
Wenn die Automobilindustrie gleich zu Beginn der Dieselkrise auf die Kunden zugegangen wäre und auch Hardware-Nachrüstungen angeboten hätte, müssten wir uns heute nicht über Fahrverbote unterhalten. Die Autoindustrie hätte nicht einen so massiven Imageschaden. Und wir hätten wohl auch nicht in dem Maße Politikverwerfungen. Die Bürger würden die Politik verstehen, hätte diese Lösungen präsentiert.

Lässt die Autoindustrie die Kunden im Regen stehen?
Ja. Von Handwerkern höre ich, dass sie sich hinters Licht geführt fühlen, als ihnen manipulierte Dieselautos verkauft wurden. Für mich ist es realitätsfremd und abgehoben, wenn der Chef eines großen Autoherstellers klagt, dass die Politik einen Feldzug gegen die Automobilindustrie führe. Gerade sie wurde jahrzehntelang von der Politik behütet, subventioniert und beschützt, auch auf europäischer Ebene.

Was sollte die Politik jetzt tun?
Wir brauchen rasch eine Nachrüstverordnung. Es gibt angeblich einen Diesel-Kompromiss, aber wir wissen nicht: Wer macht und zahlt was und wann? Es soll eine Förderung für Fahrzeuge zwischen 2,8 und 7,5 Tonnen geben. 80 Prozent will der Bund tragen. Zahlt die Autoindustrie die letzten 20 Prozent oder wir?

Müssen das die Autobauer übernehmen?
Wer denn sonst? Der Verursacher muss die Kosten tragen, und das sind die Autohersteller. Zudem brauchen wir auch Lösungen für schwerere Fahrzeuge, die zu Tausenden bei Bauunternehmen, Glasern oder Gerüstbauern fahren. Unter 2,8 Tonnen soll es eine Umtauschprämie geben. Unter Umtausch verstehe ich etwas anderes. Da gebe ich ein schadhaftes Produkt zurück und bekomme eines, das in Ordnung ist. Das, was jetzt als Umtauschprämie angepriesen wird, ist tatsächlich nur eine Verkaufsförderung für die Automobilindustrie. Der Bürger wird für dumm gehalten.

Droht das den Ruf der Unternehmer insgesamt zu ruinieren?
Nein. Ich denke, das bleibt schon an der Autoindustrie hängen. Es darf nicht sein, dass sie weiter versucht, das Problem auszusitzen. Wenn es tatsächlich zu Fahrverboten kommt, wird sie sich noch mehr Groll zuziehen. Dieser dürfte allerdings auch die Politik treffen, die es versäumt hat, für hieb- und stichfeste Lösungen zu sorgen.

In Städten wie Stuttgart sind Fahrverbote kaum abzuwenden. Braucht es zur Kontrolle die Blaue Plakette?
Das Handwerk will nicht für die Fehler anderer haften. Unsere Betriebsfahrzeuge sind auch nicht das einzige Problem. Unsere Mitarbeiter müssen zur Arbeit kommen. Wenn ein Bäckergeselle nachts in den Betrieb muss, fährt selbst in Metropolen kein Bus. Er muss das Auto nehmen. Und was ist mit den Kunden? Die Kfz-Werkstätten in den Städten können sie nicht bedienen, weil sie nicht zu ihnen kommen können. Auch dafür muss es Lösungen geben.

Eigentlich müssten die Handwerker derzeit zufrieden sein. Zumindest alle, die mit dem Bau zu tun haben, sind bis zur Halskrause ausgelastet. Steigen deswegen die Preise und damit auch die Gewinne?
Ich denke nicht, dass es Verknappungszuschläge gibt. Doch wenn Material teurer wird und die Löhne steigen, wird das umgelegt und auch die Preise werden sich anpassen. Allein die Parität bei den Krankenkassenbeiträgen kostet das Handwerk 1 Milliarde Euro jährlich. Trotz höherer Preise bleibt für die Betriebe unterm Strich dennoch kein „Mehr“ übrig.

Fühlen sie sich von der Politik zu stark belastet?
Ja, sowohl bei Steuern als auch bei Sozialabgaben. Da macht mir die Entwicklung große Sorgen. Wir sind ein sehr personalintensiver Wirtschaftsbereich. Wirtschaftsminister Peter Altmaier hat vor unserer Vollversammlung gesagt, er würde den Soli gerne ganz abschaffen. Bleibt es aber bei den Plänen von Finanzminister Olaf Scholz, kommt eine Zwei-Klassen-Abschaffung, Handwerker würden weiter zahlen. Das ist schlicht nicht akzeptabel und wird zu Klagen vor dem Bundesverfassungsgericht führen. Das werden wir Minister Scholz bei unserem Steuerforum Ende November deutlich machen. Ich fürchte, ich kenne seine Antwort schon.

Ein weiteres Problem des Handwerks ist der Fachkräftemangel. Die Regierung plant das Fachkräftezuwanderungsgesetz. Wie viel könnte Ihnen das bringen?
Das kann nur ein Baustein sein. Wir müssen die Möglichkeiten im Inland besser nutzen, etwa mehr Frauen in technischen Berufen. Wir müssen Langzeitarbeitslose in die Betriebe bekommen und die Altersgrenze flexibilisieren. Aber wir brauchen auch Arbeitskräfte von außen und ein Zuwanderungsgesetz. Die Eckpunkte der Regierung decken sich weitgehend mit unseren Vorstellungen.

Was schätzen Sie, wie viel das bringt?
Schwer zu sagen. Im Handwerk fehlen mindestens 250.000 Fachkräfte. Wenn wir zehn Prozent von außen gewinnen könnten, wäre das ein großer Schritt.

Haben Sie bestimmte Länder im Auge?
Ja. Wir schlagen vor, Migrationsabkommen mit Ländern abzuschließen, die ein vergleichbares Bildungssystem haben, etwa die Balkanstaaten. Wer mit einer Berufsausbildung und –erfahrung aus einem solchen Land stammt und Deutsch spricht, soll kommen können, ohne dass es umständlicher Verwaltungsverfahren bedarf. Dazu brauchen vor allem Botschaften und Konsulate im Ausland mehr Personal. Zudem gibt es Länder mit deutschsprachigen Regionen wie in Kasachstan. Ich hatte von dort in meinem eigenen Betrieb einige Mitarbeiter, die sprachen Deutsch und waren gut integriert.

Sonst ist aber die deutsche Sprache ein großes Problem.
Ja. Sie ist nötig, um Vorschriften etwa zur Arbeitssicherheit oder zur Hygiene zu erklären. Wir brauchen ein Mindestmaß. Den Rest bringen wir ihnen in den Betrieben bei.

Ist die Integration in manchen Branchen einfacher als in anderen?
Im Handwerk haben die Betriebe im Schnitt fünf bis sechs Mitarbeiter. Da kümmert man sich noch umeinander. Das macht es sicher einfacher.

Deutschland hat derzeit nicht gerade den Ruf, Ausländer mit offenen Armen zu begrüßen. Müssen Handwerker, die Sie anwerben, befürchten, nicht willkommen zu sein?
Ich sehe schon, dass die sogenannte Willkommenskultur gelitten hat. Trotzdem ist Deutschland immer noch für Viele das Land der Sehnsüchte.

Ist es glücklich, wenn jetzt die Fachkräftezuwanderung mit den Flüchtlingen verknüpft wird?
Nein. Aber wer sich schon integriert hat, soll bleiben können. Wir brauchen eine Bleiberechtsregelung für die, die schon in der Ausbildung sind oder sozialversicherungspflichtig arbeiten. Da habe ich gerade eine spezielle Gruppe im Auge, der wir helfen wollen. In Deutschland gibt es etwa 2500 Afghanen, die für die Bundeswehr in Afghanistan gearbeitet haben und super Deutsch sprechen. Ich will der Bundeskanzlerin anbieten, dass wir sie im Handwerk ausbilden und in den ersten Arbeitsmarkt bringen.

Das Interview führte Dieter Keller und erschien am 23. Oktober 2018 in der Südwest Presse und der Märkischen Oderzeitung.

Quelle: Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH)


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